"Sex-, Porno-, Liebessucht"
Es beginnt meist harmlos. Sie antworten auf eine der Chatanfragen, die Sie immer wieder via Social Media erhalten. Vielleicht weil Sie ungewollt alleine sind, oder weil Sie Streit hatten und es Ihnen einfach nicht gut geht. Oder weil Sie neugierig oder gelangweilt sind, und sie mal so schauen wollen, was es noch so an Beziehungsangeboten auf der Welt gibt. Wenn Sie Pech haben, werden Sie dabei von einer darauf spezialisierten Dame namens Lisa, Mona aber auch von einem Herrn namens Finn oder Tom o.ä. aufgegabelt. Und Sie merken: Wie diese Person mit Ihnen redet tut einfach gut. Sie fühlen sich plötzlich nicht mehr so alleine, Sie fühlen sich verstanden oder gerührt. ... Bis dann irgendwann das Gespräch nur weitergeht, wenn Sie ein Abo abschließen oder direkt Geld überweisen. Es sind keine großen Summen. Und außerdem, was soll schon dabei sein, Sie bekommen ja auch etwas dafür.
Aber es ist wie mit dem Zauberlehrling. Die Anfragen häufen sich, plötzlich finden Sie sich in drei, vier oder fünf intimen Chats wieder. Diese zu beenden ist schwierig, weil Sie ja schon eine Art Beziehung zu den Damen oder auch Herren aufgebaut haben. Sie müssten ja das Gegenüber enttäuschen, denken Sie sich. Und außerdem bemerken Sie, dass Ihnen auch etwas fehlen würde.
Dr. Beatrice Wagner: „Routinen entwickeln sich recht schnell, vor allem dann, wenn es sich um angenehme Dinge handelt. Auch wollen die meisten von uns die Erwartungen anderer Menschen nicht enttäuschen, dazu muss man gar nicht mal ein People Pleaser sind.“
Irgendwann wird daraus ein Muster: Sie sitzen länger als gewollt, tun es heimlich, nehmen sich vor aufzuhören und tun es doch wieder. Am nächsten Morgen bleibt ein Gefühl von Leere oder Scham. Sie nehmen sich vor aufzuhören, aber es geht nicht. Ihre Partnerin, Ihr Partner, wenn so etwas haben, fragt sie schon einmal, was Sie denn da dauernd mit Ihrem Smartphone treiben und warum dauernd Nachrichten eingehen. Sie schützen einen erhöhten Arbeitsaufwand vor. Und auf jeden Fall suchen Sie nach Wegen, die zunehmenden Kosten zu verschleiern, was irgendwann nicht mehr gelingt.
Auch folgendes kann passieren: Vielleicht wollten Sie eine der Damen oder Herren einmal live treffen. Nicht immer nur chatten. Wie schön, das Gegenüber war hocherfreut von dem Vorschlag. Doch am vereinbarten Treffpunkt war niemand. Unter der angegebenen Adresse wohnte jemand ganz anders. Dass Sie einem Fake aufsitzen, wird Ihnen spätestens jetzt klar, und trotzdem ....
Beatrice Wagner: „Das Belastende ist selten die Sexualität an sich. Belastend ist der Kontrollverlust. Dazu die Heimlichkeit, die einsam macht.“
(Foto: Lupo / pixelio.de)
Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Konsum von Pornografie, Chats oder Cybersex ein Eigenleben entwickelt hat – heimlich, gegen bessere Vorsätze, mit einem schlechten Gefühl danach – dann könnte eine problematische Internetsexualität dahinter stehen. Davon spricht man, wenn sexuelles Online-Verhalten wiederholt außer Kontrolle gerät und Sie oder Ihre Beziehung über längere Zeit deutlich belastet. Dies ist etwas anderes, als wenn es einfach viel ist oder Ihren moralischen Vorstellungen widerspricht.
Definition: problematische Internetsexualität
Es ist ein Muster, bei dem sexuelles Verhalten im Netz, wie etwa Pornografiekonsum, Sexchats, Cybersex oder der Kauf sexueller Inhalte, wiederholt außer Kontrolle gerät und über einen längeren Zeitraum deutlich belastet oder den Alltag beeinträchtigt.
Woran es sich zeigt
Kontrollverlust: Das Verhalten wird länger, häufiger oder anders als beabsichtigt, trotz mehrfacher, ernsthafter Versuche, zu reduzieren.
Zentraler Stellenwert: Das Verhalten drängt anderes zurück, wie etwa Schlaf, Arbeit, Hobbys, Freundschaften.
Weitermachen trotz der Nachteile: Es geht weiter, obwohl es der Beziehung, dem Beruf oder dem Selbstbild schadet, oft, ohne noch wirklich Freude daran zu haben.
Heimlichkeit und Isolation: Verbergen, Löschen, Ausweichen und die Einsamkeit, die daraus erwächst.
Dauer und Leidensdruck: Das Muster besteht über längere Zeit (fachlich orientiert man sich an etwa sechs Monaten) und verursacht spürbares Leiden.
Dr. Beatrice Wagner: „Neben dem Kontrollverlust steht für mich noch ein weiterer Punkt im Vordergrund: Es sind die via Pornos, KI oder Sexchats vermittelten Werte und Vorstellungen von Sexualität, die oftmals künstlich sind und nichts mit dem realen Leben zu tun haben. Wenn man aber immer wieder bestimmte Techniken, ein bestimmtes Verhalten oder Aussehen gezeigt bekommt, wird es schwierig, mit den ganz anderen Regeln und Realität im eigenen Leben klarzukommen, oder auch die eigene, sehr viel „normalere“ Sexualität noch spannend zu finden. Man verliert dann die Anschlussfähigkeit an das echte Leben.“
Hilfe:
Solche Muster sind verstehbar und veränderbar. Meist erfüllt das Verhalten via Internetsexualität eine Funktion (Stress, Langeweile, Einsamkeit regulieren),und genau da beginnt der Weg heraus. Ich helfe Ihnen, Ihr Muster zu verstehen und ebenso die Funktion, die die Internetsexualität erfüllen soll.
Weil das oft ein sehr privater Weg ist, ist es sinnvoll, dass wir in Einzelstunden daran arbeiten. Allerdings ist es hilfreich, wenn der Partner oder die Partnerin anfangs mitkommt. Dies hilft, das zugrundeliegende Problem auch von der anderen Seite her zu sehen.
Methodisch stütze ich mich hierbei auf das, was bei Kontroll- und Impulsthemen hilft:
Kognitive Verhaltensarbeit (CBT): die eigenen Auslöser erkennen (Situationen, Stimmungen, Uhrzeiten), den Automatismus unterbrechen und alternative Wege einüben – inklusive Umgang mit Rückfällen ohne Selbstverurteilung.
Internal Family Systems (IFS, Richard Schwartz): den inneren Anteilen begegnen, statt gegen sich selbst zu kämpfen – denn Scham befeuert das Muster oft mehr, als sie es stoppt.
Differenzierter Blick (David Schnarch) auf die Beziehungsebene: Wo Vertrauen verletzt wurde, geht es darum, in sich selbst wieder Stärke zu finden.
Falsch und uneffektiv hingegen wäre es, sich mit (noch mehr) Selbstverurteilung aus dem Muster zwingen zu wollen. Scham fühlt sich an wie Kontrolle, bewirkt aber das Gegenteil: Wer sich schämt und sich somit schlecht fühlt, sucht nach Abhilfe, und dies bietet oft genau das Muster, dem Sie entfliehen wollen. Besser ist es, offen und ehrlich darauf zu schauen, wofür das Verhalten gerade zuständig ist. Wer die Funktion von Internetsexualität versteht (beruhigen, betäuben, Nähe ersetzen) und andere Wege dafür findet, gewinnt Spielraum zurück.
Zur Vorbereitung
Wenn Sie sich selbst schon einmal vorbereiten möchte, bis wir mit unserer Therapie beginnen, dann starten Sie mit einem kleinen Auslöser-Protokoll: Notieren Sie ein paar Tage lang kurz, wann der Drang auftaucht und wie es Ihnen davor ging (müde, gestresst, einsam, gelangweilt?). Sie ändern zunächst nichts. Sie beobachten nur. Schon dieses Sichtbarmachen unterbricht den Automatismus und zeigt, an welchen Stellen ein anderer Weg möglich ist. Darauf können wir dann in unseren Stunden aufbauen.
FAQ
Was ist problematische Internetsexualität? Gemeint ist ein anhaltendes Muster, bei dem sexuelles Online-Verhalten – etwa Pornografie, Chats oder Cybersex – wiederholt außer Kontrolle gerät und über längere Zeit (etwa ab sechs Monaten) deutlich belastet oder den Alltag beeinträchtigt. Fachlich wird das als Teil der zwanghaften Sexualverhaltensstörung (ICD-11, 6C72) verstanden.
Ab wann ist Online-Sexualität problematisch und ab wann nur viel? Entscheidend ist nicht die Menge, sondern der Kontrollverlust und der Leidensdruck: wiederholte, erfolglose Versuche, zu reduzieren, und Weitermachen trotz spürbarer Nachteile. Wichtig: Ein schlechtes Gefühl, das nur aus moralischer Selbstverurteilung stammt, ist für sich genommen kein Krankheitszeichen.
Ist das eine Sucht? Nicht im engeren Sinne. Die Weltgesundheitsorganisation ordnet zwanghaftes Sexualverhalten in der ICD-11 als Impulskontrollstörung ein – ausdrücklich nicht als Sucht, weil die Datenlage dafür (noch) nicht ausreicht. Der Begriff „Pornosucht" ist verbreitet, fachlich aber umstritten.
Was kann ich tun, wenn ich etwas verändern möchte? Ein guter Anfang ist, die eigenen Auslöser sichtbar zu machen und die Heimlichkeit zu verringern.
Was, wenn es meine Beziehung belastet oder mein Partner es entdeckt hat? Solche Verletzungen gehen tief. Doch Vertrauen lässt sich wieder aufbauen, allerdings nur langsam Schritt für Schritt. Vertrauen ist kumuliertes Erfahrungswissen.