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Dr. Beatrice Wagner

Was Sie wissen sollten, bevor Sie anfangen

Vielleicht sitzen Sie gerade abends am Laptop, während Ihr Partner schon schläft und tippen das erste Mal das Wort „Paartherapie“ in eine Suchmaschine. 
Vielleicht haben Sie das Wort schon hundertmal gedacht und nie ausgesprochen. 

Dies sind die ersten Schritte, um etwas in Ihrer Beziehung zu ändern. 
Doch lesen Sie diese Seite, bevor Sie sich entscheiden. Und bevor Sie Ihren Partner darauf ansprechen.

Wann ist eine Paartherapie wirklich sinnvoll?

Deutlich früher, als die meisten denken. In der Praxis erlebe ich, dass Paare im Schnitt sechs Jahre lang mit einem belastenden Muster leben, bevor sie sich Hilfe holen. Das Gefühl, „das bekommen wir doch alleine wieder hin“, hält länger an, als guttut.

An folgenden drei Beobachtungen können Sie selbst prüfen, ob professionelle Begleitung in Ihrer Situation Sinn ergibt, ohne dass Sie sich „krank reden“ müssen.

1.     Der Streit wiederholt sich, ohne dass es eine Klärung gibt.
Sie streiten am Frühstückstisch über die Spülmaschine, und beide wissen: Es geht nicht um die Spülmaschine. Aber Sie kommen nicht heraus aus dem Muster. Wenn sich ein Konflikt sechsmal in sechs Wochen in fast identischer Form wiederholt, ist das ein Hinweis auf eine festgefahrene Dynamik.

2.     Bestimmte Verhaltensweisen tauchen wiederholt auf. 
Der Paarforscher John Gottman hat in jahrzehntelanger Beobachtung vier Interaktionsweisen identifiziert, die das Wohlbefinden in einer Beziehung besonders stark belasten: Kritik (an der Person statt am Verhalten), Verachtung (Augenrollen, Sarkasmus, Herabsetzung), Rechtfertigung (kein Stück Verantwortung übernehmen) und Mauern (sich emotional zurückziehen). Wer eine oder mehrere dieser Dynamiken regelmäßig erlebt, profitiert erfahrungsgemäß stark von strukturierter Begleitung.

3.     Die Bilanz kippt. 
Gottman beschreibt das Verhältnis zwischen wohltuenden und belastenden Momenten in einer Beziehung. Wenn die belastenden Augenblicke deutlich überwiegen, spüren das beide, ohne es benennen zu können. Sie merken es daran, dass Sie sich vor dem Nachhausekommen anspannen anstatt sich zu freuen.

DER HÄUFIGSTE MYTHOS. PAARTHERAPIE HEIßT SCHULDZUWEISUNG MIT SCHIEDSRICHTER

Viele Menschen schrecken vor einer Paartherapie zurück, weil sie befürchten, dort werde vor einer dritten Person entschieden, wer Recht hat und wer der eigentliche Auslöser der Probleme ist. Genau das passiert in einer seriösen Paartherapie nicht. Erfahrene Paartherapeuten/-innen sind keine Richter/-innen und kein Schiedsgericht. Sie arbeiten mit dem System beider Partner, mit der Dynamik, die zwischen ihnen entsteht, nicht mit Schuldzuweisungen. Eine tragfähige Lösung entsteht nur dann, wenn beide Partner bereit sind, sich zu bewegen. 

WIE EINE PAARTHERAPIE KONKRET ABLÄUFT
Die Vorstellungen darüber sind oft entweder dramatisch („wir müssen alles offenlegen“) oder vage („irgendwie wird geredet“). Die Realität liegt dazwischen und ist transparenter, als viele erwarten.

Phase 1: Erstgespräch und Auftragsklärung.
In der ersten Sitzung – meist 60 bis 90 Minuten – erzählen beide Partner kurz ihre Sicht. Ihre Therapeutin hört zu, fragt nach, stellt keine Diagnose im klinischen Sinn (Beziehungsprobleme sind keine Krankheit) und entwickelt gemeinsam mit Ihnen ein Bild davon, worum es eigentlich geht. Am Ende dieser Phase steht ein Auftrag: Was möchten Sie beide verändern? Manchmal kann es aber auch sein, dass es noch gar keinen "Auftrag" gibt, dass wir das Ziel erst gemeinsam erarbeiten müssen.  

Phase 2: Verstehen der Dynamik
In den nächsten zwei bis vier Sitzungen wird sichtbar gemacht, wie Ihr Konfliktmuster aufgebaut ist. Hier arbeiten viele deutschsprachige Paartherapeut*innen mit dem **Hamburger Modell der Paartherapie** nach Hahlweg und Revenstorf, einem in der DACH-Forschung gut verankerten Ansatz, der konkret an Kommunikationsmustern und am sogenannten Reziprozitätsverhältnis ansetzt: Wie gleicht sich das, was Sie einander geben, über Wochen aus? Wo ist die Bilanz aus dem Lot geraten? Ich persönlich arbeite zudem mit der Crucible-Therapie von David Schnarch. 

Phase 3: Verändern. 
Erst jetzt beginnt das, was die meisten unter Therapie verstehen: konkrete Übungen, manchmal Hausaufgaben für zwischen den Sitzungen, Sprachformen einüben, neue Reaktionswege ausprobieren, aber auch Interventionen, um Ihr inneres Wachstum anzuregen. Diese Phase dauert in den meisten Fällen zwischen 8 und 20 Sitzungen, je nach Komplexität.

Phase 4: Konsolidieren und Abschluss.
Veränderungen müssen eingeübt stabilisiert werden. Der Mensch ist ein Träger von Übungsprogrammen, sagt der Philosoph Peter Sloterdijk. In dieser Phase kann es hilfreich sein, noch einmal erinnernde und auffrischende Sitzungen wahrzunehmen. Doch die Sitzungsabstände werden größer, manche Paare vereinbaren ein Nachgespräch nach drei oder sechs Monaten.

EIN LETZTER GEDANKE

Das schwierigste in einer Beziehung ist nicht der laute Streit, auch wenn dieser sehr verletzend sein kann. Schlimmer aber ist die unausgesprochene Erkenntnis, dass etwas nicht mehr stimmt und dass darüber geschwiegen wird. Wenn Sie bis hierher gelesen haben, haben Sie diesen Punkt vielleicht schon erreicht. Was Sie als Nächstes tun, entscheiden Sie. 

Foto: Wie lange noch Seil reißt by_Maren Beßler_pixelio.de

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